Chinesische Hanfpalme: umweltbedingte Variationen Trachycarpus Fortunei

Schaut man sich im Internet Fotos von Hanfpalmen an, so gewinnt man den Eindruck, dass sie sich im Habitus zum Teil stark unterscheiden. Aber worin unterscheiden sie sich konkret? Und woran liegt das?

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Eine gesunde und etablierte Palme zeichnet sich durch ein großes Wurzelwerk, einen robusten Stamm, viele, kräftige Wedel mit saftig-grünen Blättern und in Folge ein schnelles Wachstum aus. Um das bei uns zu erreichen, muss man die Bedingungen der Palme an ihrem Naturstandort im eigenen Garten möglichst exakt nachbilden. Klappt das nicht vollumfänglich, versucht die Palme, sich bis zu einem gewissen Grad an die neuen Bedingungen anzupassen, was auch äußerliche Veränderungen zur Folge haben kann…

Modifikation von Pflanzen

In der Biologie spricht man bei einer durch Umweltfaktoren (Nahrung, Temperatur, Licht, …) hervorgerufenen Veränderung des Erscheinungsbildes (Phänotyp) – also einer Veränderung von Form, Gestalt und sonstigen Eigenschaften – von einer sogenannten ‚Modifikation‘. Eine ‚Modifikation‘ ist – im Gegensatz zu einer gen-verändernden ‚Mutation‘ – nicht vererbbar. Die ‚Reaktionsnorm‘ bzw. ‚Modifikationsbreite‘ entscheidet darüber, wie stark ein Lebewesen auf veränderte Umweltbedingungen reagieren bzw. sich anpassen kann.

Setzt man also zwei genetisch-vergleichbare Pflanzen unterschiedlichen Umweltbedingungen aus, so unterscheiden sie sich nach gewisser Zeit in ihrem äußerlichen Erscheinungsbild. Setzt man diese zwei Pflanzen darafhin eine längere Zeit wieder gleichen Umweltfaktoren aus, so gleichen sich die Phänotypen i.d.R. wieder an. Modifikation ist also reversibel.

Man unterscheidet hierbei zwischen ‚fließender Modifikation‘ mit einer stetigen Veränderung des Phänotyps und einer ‚umschlagenden Modifikation‘, dem sogenannten ‚Polyphänismus‘.

Modifikation von Hanfpalmen

Die Modifikation von Hanfpalmen wird im Wesentlichen durch folgende Umweltfaktoren beeinflusst:

  • #Stunden mit Temperaturen zwischen 15 und 20°C (ideale Wachstumsbedingungen)
  • #Frosttage
  • #Dauerfrosttage
  • Regenmenge im Sommer
  • Nährstoffgehalt des Bodens
  • Konsistenz des Bodens

Inwieweit die vorherrschenden Umweltfaktoren zu einer Modifikation des Erscheinungsbildes führen, hängt stark vom Charakter der jeweiligen Pflanze (Genetik, Alter, Historie, …) ab und läßt sich bis zu einem gewissen Grade durch Schutz- + Pflegemaßnahmen (Bewässerung, Düngung, Winterschutz, …) beeinflussen.

Hanfpalmen reagieren auf veränderte Umweltfaktoren mit ‚umschlagender Modifikation‘, d.h., sie passen sich einmalig (und nicht stetig) an die neuen Bedingungen an. Konkret heisst das: pflanzt man eine Gewächshauspalme in rauen Gegenden aus, werden ihre weichen Blätter im ersten Winter womöglich stark geschädigt. Im nächsten Frühjahr neu gebildete Wedel sind dann i.d.R. um einiges kräftiger (=modifiziert). In den Folgejahren wird es keine weiteren Veränderungen geben.

Die Anpassungsfähigkeit von Hanfpalmen ist in jungen Jahren (bis 3 Jahre) am höchsten. Mit Abschluss des primären Dickenwachstums (mit 5-10 Jahren) ist die Anpassungsfähigkeit der Palme auf ein Minimum reduziert. Möchte man eine Hanfpalme dauerhaft im Garten auspflanzen, so empfiehlt sich daher der Kauf einer noch anpassungsfähigen, jüngeren Pflanze. Kauft man eine ältere Hanfpalmen, so sollte man Pflanzen kaufen, die bereits unter vergleichbaren Umweltbedingungen etabliert sind.

Die Frosthärte von Hanfpalmen ist genetisch festgelegt und liegt etwa bei -17°C. Ebenso ist die Frosthärte einzelner Pflanzenteile genetisch festgelegt, beispielsweise für alte Fächer bei -13°C. Die Frosthärte kann durch veränderte Umweltfaktoren nur marginal um +/-1° modifiziert werden. Wird es kälter, stirbt die Pflanze bzw. der entsprechende Pflanzenteil. Da Hanfpalmen auf veränderte Umweltfaktoren mit ‚umschlagender Modifikation‘ reagieren, ist das über mehrere Jahre stetige ‚Abhärten‘ bei Hanfpalmen i.ü. ein weitverbreiteter Irrglaube.

Wie im ‚Journal of Plant Physiology‘ im Artikel ‚Persistent Supercooling and Silica Deposition in Cell Walls of Palm Leaves‘ (1991) von Professor Walter Larcher, Ursula Meindl, Elisabeth Ralser und Masaya Ishikawa ausgeführt, sind Palmen persistent unterkühlbar. Das heisst, dass Dauerfrost bzw. dauergefrorene Pflanzenteile die Pflanze nicht schädigen können, solange die Temperaturen oberhalb der Frosthärte-Temperatur des jeweilgen Pflanzenteils liegen.

Am Stamm lassen sich Modifikationen am deutlichsten erkennen: manche Palmen haben einen für ihre Stammhöhe sehr schlanken Stamm, andere wirken regelrecht untersetzt. Für Hanfpalmen mit einer Stammhöhe bis 1m gelten Palmen, bei denen das Verhältnis aus Stammumfang zu Stammhöhe annähernd bei 1 liegt, als besonders robust.

Darüber hinaus verändern sich die Hanffasern: während diese in warmen Gegenden eher glatt und eng am Stamm anliegen, sind sie in kalten Gegenden wuschelig, etwas dicker und länger. Die Modifikation läßt sich gut beobachten: eine seit mehreren Jahren ausgepflanzte Palme hat oftmals im unteren Stammbereich eng-anliegende Fasern (die sie vor der Auspflanzung in wärmeren Gegenden gebildet hat) und im oberen Stammbereich eher zerzauste Fasern (die sich seit Auspflanzung in unseren kälteren Gegenden gebildet haben).

Darüber hinaus kann es bei veränderten Umweltfaktoren auch an den Petiolen (bzgl. Länge und Dicke) und den Blättern (bzgl. Größe und Dicke) zu Modifikationen kommen. Eine entsprechende Wachstums-Chronologie meiner Hanfpalmen findet sich hier.

Fazit

Immer wieder liest man von Erfolgsgeschichten, wonach beispielsweise Fächer von Hanfpalmen Temperaturen bis beispielsweise -20°C ohne Schutz schadlos überstanden haben sollen. Dass eine Hanfpalme das so überstehen kann, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Denkbar wäre, dass die genannten -20°C aufgrund eines sehr günstigen Mikroklimas gar nicht an den Fächern anlagen oder dass die Frosthärte der Hanfpalme durch Kreuzungen mit frosthärteren Palmenarten genetisch verändert worden ist, dass es sich also nicht um eine reinrassige Hanfpalme handelt.


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