Intelligenz von Pflanzen

In den letzten Jahren fanden Botaniker Indizien, dass Pflanzen weitaus mehr als ein regenerativer Rohstoff sind. Es zeigt sich viel mehr, dass Pflanzen logisch auf Reize reagieren und aus Erfahrung lernen können, dass sie also in gewisser Weise intelligent sind.

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Pflanzen haben ggü. Mensch + Tier 2 besondere Herausforderungen zu meistern: sie sind ortsgebunden – können also bei Gefahr nicht oder nur bedingt flüchten – und ihr oberirdischer Teil – der Spross – lebt in einer gänzlich anderen Umgebung als der unterirdische Teil – die Wurzel.

Deshalb haben Pflanzen andere, zum Teil aber hoch-intelligente Überlebensstrategien entwickelt. Und natürlich haben Pflanzen aus diesem Grund auch einen grundsätzlich anderen Körperbau als Tiere. Da sie vor Fressfeinden nicht flüchten können, haben sie z.B. keine speziell ausgebildeten Organe wie Lunge, Herz, Magen oder ein Gehirn, sondern sind modular aufgebaut, so dass sie auch überleben können, wenn ihnen Pflanzenteile abgefressen werden.

Lernfähigkeit

Untersuchungen im Forschungsgebiet ‚Pflanzenneurobiologie‘ zeigen, dass sich Gewächse auch ohne Gehirn / Neuronenbahnen an Vergangenes erin­nern und sogar lernen können.

Normalerweise schließt eine Mimose bei Berührung oder ruckartiger Bewegung blitzartig ihre Fiederblättchen. Man kann Mimosen aber an solche Berührungen oder Bewegungen gewöhnen. Um das zu demonstrieren, ließ man eingetopfte Mimosen wiederholt aus geringer Höhe auf eine weiche Unterlage fallen. Anfangs falteten die Pflanzen ihre Blättchen nach jedem Aufprall zusammen, aber spätestens nach dem 6. Sturz zeigten sie keine Reaktion mehr. Die Mimosen hatten gelernt, dass die Erschütterung keine Gefahr darstellt. Selbst einen Monat später konnten sich die Pflanzen noch an ihr gelerntes Wissen erinnern und blieben von erneuten Stürzen unbeeindruckt. Mimosen lernen und speichern dieses Wissen, zeigen also Gedächtnisleistungen, auch ohne Gehirn.

Auch die klassische Konditionierung (nach Pawlow) funktioniert: in einem Experiment verpasste man einer Pflanze immer dann einen elektrischen Schlag, wenn Eisenerz neben ihr lag. Nach gewisser Zeit löste alleine das Vorhandensein von Erzhaltigem in der Nähe Angstgefühle bei der Pflanze aus. Die Pflanze konnte hierbei zwischen einem reinen und einem ähnlich aussehenden erzhaltigen Stein unterscheiden.

Vererbung von Gelerntem

Um den Fortbestand ihrer Art zu sichern, geben Pflanzen in Gebieten mit stark variablen bzw. unvorhersehbaren Klimabedingungen ihren Nachkommen zwar den selben Genotyp, aber unterschiedliche phänotypische Varianten mit. Einige Nachkommen werden dann unter den gegebenen Bedingungen gut gedeihen, andere nicht. Diese Strategie wird in der Wissenschaft ‚bet-hedging‘ genannt. So produzieren Pflanzen bei wechselhafter Umgebung Samen mit unterschiedlichen Keimfähigkeiten. Dadurch ist sichergestellt, dass einige wenige Samen exakt zum richtigen, nämlich klimatisch günstigen Zeitpunkt keimen.

Eltern können auch ihre eigenen Umwelterfahrungen weitergeben (‚parentaler Umwelteffekt‘). So produzieren Eltern nach Trocken-Perioden schnell keimende und nach niederschlagsreichen Zeiten spät keimende Samen. Die elterliche Pflanze geht hierbei davon aus, dass die Konkurrenzsituation nach einer regenreichen Phase sehr hoch ist und produziert daher verzögert keimende Samen, um den ‚überfüllten Markt‘ nicht direkt mit neuen Pflanzen zu überschwemmen.

Verständigung

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Pflanzen untereinander kommunizieren (‚Plant talk‘), vorzugsweise über ihre Wurzeln. Als ‚Sprache‘ verwenden sie dabei Duftstoffe, chemische Botenstoffe, elektrische Signale und Knackgeräusche, die sie in ihren Wurzeln als eine Art Morsecode erzeugen. Pflanzen verwenden dazu alleine ca. 2000 Duftstoffvokabeln, mit denen sie sich sehr konkret untereinander austauschen können. Auch Tiere verstehen die Sprache (vgl. ‚Geruchssinn‘).

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Wurzeln der Pflanzen ein riesiges, erdumspannendes Kommunikationsnetz bilden. Da die Wurzeln der Pflanzen nicht immer lang genug sind, um die Entfernung zur nächsten Pflanze zu überbrücken, nutzen sie die feinen Verästelungen unterirdisch wachsender fadenförmiger Pilze. Die Pilze fungieren dabei wie Glasfaserkabel zur Übermittlung der Informationen. So können weit entfernte Pflanzen über das ‚Internet des Waldes‘ miteinander kommunizieren. Im Gegenzug ‚bekommt‘ der Pilz etwa ein Drittel der gesamten Zuckerproduktion der Pflanze. Es konnte aber nachgewiesen werden, dass Pflanzen, die über ein unterirdisches Pilz-Netzwerk verbunden sind, gesünder und kräftiger wachsen als Einzelgänger. Kulturpflanzen haben diese Kommunikationsfähigkeiten interessanterweise verloren. Sie sind aus dem Kommunikationsnetzwerk ausgeschlossen, warum auch immer.

Im übrigen verstehen wir Menschen die Sprache der Pflanzen auch, zumindest unser Körper. Das menschliche Immunsystem etwa reagiert nachweislich auf die Duftstoffe von Pflanzen, ein Grund, warum Waldspaziergänge immer wieder als sehr heilsam empfohlen werden. So erhöhen sich durch Pflanzendüfte z.B. Abwehrzellen und Anti-Krebs-Proteine und unser Hormonsystem wird positiv beeinflusst. Japanische Forscher fanden heraus, dass bereits zwei Waldspaziergänge die menschlichen Abwehrkräfte um etwa 50% steigern. Seit 2012 ist deshalb inzwischen an mehreren japanischen Universitäten der medizinische Forschungszweig ‚Forest medicine‘ gegründet worden.

Sozialverhalten

Bekannt ist, dass Pflanzen über der Erde einen brutalen Verdrängungswettbewerb führen: starke Pflanze rauben den schwächeren Licht, Wasser und Nährstoffe. Die Starke gedeiht, die Schwache verkümmert: ‚Survival of the fittest‘.

Unter der Erde verhalten sich Pflanzen ganz anders: hier werden soziale Netzwerke gebildet, die sich gegenseitig helfen und unterstützen. Der Wissenschaftler Ian Baldwin beschreibt das pflanzliche Sozialverhalten daher folgendermaßen: ‚Über der Erde herrscht Kapitalismus. Unter der Erde regiert ein sozialistisches Netzwerk.‘

Grundsätzlich verhalten sich Pflanzen dabei entschieden sozialer ggü. Artgenossen (‚Verwandtenselektion‘ gemäß der Evolutionstheorie) als ggü. fremden Arten.

Artgenossen bauen hierzu insbesondere in ursprünglichen Wäldern ein Sozialsystem auf, wo die Bäume sich gegenseitig helfen, um gemeinsam ein Blätterdach als Sonnenschutz gegen Verdunstung und einen Wall gegen starke Stürme bilden zu können. In seinem Buch ‚Das geheime Leben der Bäume‘ spricht Peter Wohlleben sogar von Freundschaften zwischen einzelnen Pflanzen. Er fand in dem Zusammenhang z.B. einen alten Baumstumpf, der – obwohl er aufgrund seiner fehlenden Blätter keinen Beitrag zum Sozialsystem liefern konnte – von seinen Artgenossen seit knapp 500 Jahren über das Wurzelwerk mitversorgt wurde. Normalerweise wäre der Baumstumpf ohne Blätter nicht lebensfähig und längst tot.

Zeitgefühl

Vor mehr als 250 Jahren pflanzte Carl von Linne eine Uhr aus Blumen, bei der jede Stunde exakt zur vollen Stunde genau 1 der 12 Blumen blühte. Aber woran machen Pflanzen fest, wann sie blühen sollen? Ging man lange davon aus, dass Pflanzen sich dazu am Sonnenlicht orientieren, so weiß man heute, dass Pflanzen eine innere Uhr haben, um bereits frühzeitig agieren zu können, bevor sich das Sonnenlicht verändert.

Forscher fanden in dem Zusammenhang heraus, dass Pflanzen schlafen. Große Bäume lassen dabei nachts ihre Zweige bis zu 10cm absinken. Wird die Nachtruhe z.B. durch eine nächtliche Beleuchtung unterbrochen, so führt dies zu erhöhtem Stress für die Pflanze.

Fazit

Inwieweit man bei Pflanzen von echter Intelligenz sprechen kann oder ob es sich hier ’nur‘ um Reiz-Reaktionsketten handelt, wird zwischen Biologen seit Jahren intensiv diskutiert. Gegner der These begründen die fehlende Intelligenz der Pflanzen damit, dass Pflanzen ggü. Mensch + Tier kein Gehirn und keine Nerven besitzen und deshalb kein Lernen, kein Gedächtnis und kein Empfinden möglich ist (‚No brain, no pain‘).

Andersherum: sollte man bei Pflanzen zeigen können, dass diese auch ohne Gehirn lernen und Wissen speichern können, wenn Erinnerungen stattdessen im ganzen Körper – in jeder Zelle – gespeichert werden können, dann müssen Biologen vielleicht ihr bisheriges Verständnis von Leben irgendwann ein stückweit revidieren…


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